Mit dem Charme eines Spitzbuben!

Weiß sind Bart und Haar. Und lang. Der obligatorische, schwarze Gehrock darf nicht fehlen. So steht Joachim Witt am 26. Januar auf der Bühne des Musikzentrums in Hannover. Regelmäßig ist er dort zu Gast. Nun aber, wenige Tage vor seinem 68. Geburtstag, hat er sein jüngstes Album „Thron“ im Gepäck, dass er im vergangenen Jahr mit Hilfe eines Crowdfounding-Projekts produziert hat. Zwar redet er auf der Bühne noch immer von „Schallplatten“, die er veröffentlicht. Nicht aber, ohne sich gleich zu korrigieren, um dann nämlich von einem „Streaming-Erlebnis“ zu sprechen.

Und wer eingangs noch meinte, dass da oben auf der Bühne ein wunderlich werdender, älterer Herr vergangenen Zeiten nachweint, der irrt spätestens ab diesem Moment: Ja, Witt ist in die Jahre gekommen. Ja, es macht ihm inzwischen sichtlich körperliche Arbeit, alle Töne zu treffen. Mag sein, dass nicht zuletzt deshalb viele Lieder, besonders aus der NDH-Ära, nicht mehr live zu hören sind. Vielleicht liegt das auch an einer gewissen Altersmilde. Aber diesen, offenbar niemals endenden Reifeprozess, den der Mensch und der Musiker Witt mit höchsten Höhen und tiefsten Tälern durchlebt hat, den präsentiert er auf der Bühne mit derart viel Witz und spitzbübischem Charme, dass inzwischen Generationen von Fans ihm und seinem Lebenswerk tiefsten Respekt zollen. Und er dankt es mit einer gut zweistündigen Performance.

Die hatte zunächst die Band Palast aus Berlin eingeläutet. Witt ist inzwischen bekannt dafür, dass er auf seinen Tourneen immer wieder jungen, meist noch unbekannten, dafür oft viel versprechenden Nachwuchsmusikern auf seinen Konzerten eine Plattform bietet. In diesem Fall dürfte es sich sogar um sehr vielversprechenden Musikernachwuchs handeln. Mit überdimensionalen Schirmen von Blitzanlagen und instrumentalem, blitzweißem Hightech-Equipment ausgestattet, gibt das Trio munteren Synthie-Pop zum besten, der Anleihen von Distain! oder ähnlichen Formationen dieses Genres zulässt. Und dabei ziemlich perfekt daher kommt. Seit Oktober ist die erste EP auf dem Markt. Songs wie „Just friends“ hätten auch gut den 1980er-Jahren entsprungen sein können. Aber genau das macht das Trio so sympathisch. Wer mehr davon braucht: Ab April sind die Palast-Jungs mit Mono Inc. auf Tour, und am 20. April auch im Musikzentrum in Hannover.

Doch zurück zu Herrn Witt, der den Abend mit dem Titelsong seines jüngsten Albums eröffnet, und von dem später auch noch Titel wie „Lebe Dein Leben“, „Rain from the Past“, „Winterwald“ oder „Alle nicken“ erklingen. Selten war ein Witt-Album so komplex, so musikalisch aufregend: Da reicht der Reigen von tanzbarem Pop über schwermütiger Balladen bis hin zu heftigem Rock. Das ist auch die Klaviatur, auf dem der Altmeister durch den Abend marschiert. Sehr zielstrebig. So sehr nach vorn gerichtet. „Ich hätte Euch auch gern zu mir nach Hause eingeladen, ich wohne aber im Moment etwas bescheiden. Aber immerhin habe ich eine frische Unterhose an“, frotzelt Witt mit vorgeschobener Unterlippe und Schalk in den Augen. Darüber, dass er durch einen Brand im vergangenen Frühjahr sein Haus und alle ideelle Erinnerungen an seine Vergangenheit verloren hat. Bei solchen Sätzen, da geht kein Lachen mehr. Da erstickt jeder Humor ob derartiger Schicksalsschläge. Mit dem Song „So oder so“ hat Witt versucht, dieses Drama zu verarbeiten, und seiner Wut, seiner Trauer und seiner Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen.

Mit schauspielerischer Flapsigkeit geht er über diese und andere dunklen Töne hinweg, die seiner Seele entspringen. So jagt er nach den ersten drei Songs die Fotografen aus dem Bühnengraben mit den Worten: „Nun habe ich schon Schweißperlen auf der Stirn und die ersten Flecken unter den Achseln. Das kommt nicht gut.“

Neben „Thron“ spielt das zwei Jahre alte Album „Neumond“ eine tragende Rolle: „Die Erde brennt“, „Es regnet in mir“ oder „Strandgut“ erklingen. Witt schüttelt Hände seiner Fans. Wieder und wieder. Und wirkt sichtlich berührt von dieser ehrlich gemeinten Zuneigung. Es ist offenbar kein Abend für harte Töne. Ein berührendes „Gloria“ darf nicht fehlen, ebenso wie „Die Flut“. Beide Songs bringt er sitzend zu Gehör.

„Ich brauche meinen Medizin“, röchelt er hustend ins Mikrofon. Dieser Schauspieler! Und rockt einen halben Atemzug später mit „Tief“ durch die 1990er-Jahre. Und weil er weiß, dass auch Fans der ersten Stunde vor der Bühne stehen, holt er „Restlos“ aus der Schublade hervor. Ein Song, der vom Album „Kapitän der Träume“ aus dem Jahr 1992 stammt. „Diese Nummer habe ich damals sehr geliebt“, erzählt Witt. Und erstaunlich modern klingt dieser Text, der auch ins Jahr 2017 passt. Dorthin gehört auch „Geh Deinen Weg“, ein Text, „der mir sehr am Herzen liegt“, erklärt der Altmeister. Der genau diesen Titel zu seinem Lebensmotto erklärt haben muss, ohne wirklich sicher zu sein, diesen Weg bereits gefunden zu haben.

Sicher ist jedoch, dass ein jedes Witt-Konzert ein Ende haben muss. Und das hat es obligatorisch mit einer ganz, ganz großen Party. Und wenn der „Goldene Reiter“ und der „Herbergsvater“ erklungen sind, wenn mit „Super gestört und super versaut“ der König seine Krone gerichtet hat, erst dann darf Witt mit erhobenem Haupt und seiner grandios funktionierenden Band die Bühne verlassen. Und bitte ganz schnell wiederkommen.

(km)

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