Motorpsycho’s mächtig lauter Budenzauber

11. November 2017 FAUST – 60er Jahre Halle, Hannover

Motorpsycho © Isabelle Hannemann

Soundempfinden ist eine Frage des Standpunktes. Hörgewohnheiten, temporäre Befindlichkeiten und so. Was schmeichelt dem Ohr eines jeden einzelnen, was nicht. An diesem Samstag Abend in der Faust bei Motorpsycho ist der klangliche Standpunkt aber wortwörtlich zu verstehen.

Mein eilig gewählter Aufenthaltsort für die nächsten Stunden scheint zunächst mit Bedacht gewählt zu sein. Allerdings stellt sich die Wand in meinen Rücken als absolute Bassreflektionsfläche heraus. Bei dem mächtig lautem Budenzauber mit Tanzvergnügen, den Motorpsycho in den nächsten zwei Stunden abfackeln werden, ergibt das eine nahezu körperliche Erfahrung. Bass. Überall im Körper Bent Sæthers Bass, als die drei Norweger um Punkt 20.30 Uhr mit „A.S.F.E.“ vom aktuellen Album The Tower eröffnen. Da schlackert der ganze Körper mit. Unglaublich geradeaus gespielter Riffrock.

Motorpsycho © Isabelle Hannemann

Motorpsycho waren doch nach den letzten Veröffentlichungen eher im Art Rock und zuletzt sogar orchestralen Gefilden gelandet, nun aber wieder beim guten alten Riff angekommen. Das mag auch am neu besetzten Schlagzeughocker liegen. Nachdem sich Kenneth Kapstadt fortan Spidergawd widmet, ist Tomas Järmyr der neue Mann an den Kesseln. Und so viel sei schon mal verraten: der macht das verdammt gut. Verstärkung gibt es, abgesehen von den Verstärkerwänden, auch von dem mir unbekannten Tourmusiker auf der rechten Seite. Er ergänzt durchgehend entweder die zweite Gitarre, öfter aber noch das Keyboard.

Aber der Bass, der Bass. Also einfach von der Wand weg, denke ich. Das ist allerdings einfacher gedacht als getan. Die Bettfedernfabrik ist voll wie ein zu fest gestopftes Daunenkissen. Angeblich soll es noch Karten geben. Schwer vorstellbar, noch mehr Leute in diesen Saal zu bekommen. Mit dem dritten Song des Sets – der Single Pills, Powders + Passion Plays von 2003 – fahren die Vier das Tempo deutlich runter und gehen in psychedelische Gefilde über. Da kommen die Video-Projektionen auf der Bühnenwand richtig gut. Tolle illustrierte Animationen nehmen einen mit durch die Baumwipfel eines vermutlich norwegischen Waldes, bis man schließlich im Verlaufe der nächsten Songs – Intrepid Explorer und In Every Dream Home, wieder von The Tower – auf einer Lichtung an ein einsames Holzhaus kommt.

Motorpsycho © Isabelle Hannemann

Überhaupt liegt der Fokus heute Abend sehr auf der neuen Platte. Schadet ja nix, ist ein super Album und außerdem ja auch die Tour zum aktuellen Album. Allerdings war das auf den vorangegangen Konzerten dieser Tour nicht immer so. Die Norweger hatten offensichtlich Spaß an der Abwechslung ihrer Setlisten. Doch heute, am letzten Abend der Tour, ist The Tower deutlich im Fokus. „Kill Some Day“ vom Überalbum Timothy’s Monster oder auch „Greener“ und „Go To California“ bestätigen als Ausnahmen die Regel.

Irgendwann beschleicht mich während der zahlreichen Solopassagen, Taktwechseln und Jams das Gefühl, die Trontheimer hätten den Faden verloren. Was für eine Spielfreude der Norweger – aber zwischenzeitlich klingt es dissonant, noisig und wirr. Doch da nimmt sich Bent einfach kurz zurück, schnappt kurz Luft und setzt die gesamte Band mit einigen wenigen Noten wieder neu aufs Gleis. Wahnsinn. Hier stehen wirklich ein paar Könner an ihren Instrumenten auf der Bühne. Bent Steter wechselt übrigens auch gerne mal an die Gitarre. Auf den Bass verzichten die vier dann einfach und lassen die Orgel die tiefen Töne spielen. Kommt mir natürlich entgegen.

Mit dem Terry Gallier CoverSpin, Spin, Spin“ verabschieden sich Motorpsycho dann. Die volle Faust will aber mehr. Kriegen sie natürlich auch. Mit „The Tower“, dem Titelsong vom gleichnamigen Album und … der Knaller: Vortex Surfer.

So kann man auch guten Gewissens aufhören. Konzert zu Ende, Tour zu Ende. Ich hab meinen Standpunkt auch noch gewechselt gekriegt. Hat dem Ohr geschmeichelt.

Na dann, gute Nacht.

Martin Möller

 

Motorpsycho © Isabelle Hannemann

Tracks

S.F.E.

Mountain

Pills, Powders + Passion Plays

Intrepid Explorer

In Every Dream Home

Bartok of the Universe

Kill Some Day

A Pacific Sonata

The Cuckoo

Ship of Fools

Greener

Go To California

Walking on the Water

Spin, Spin, Spin (Terry Calliercover)

Encore:

The Tower

Vortex Surfer

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