Rockdino Udo Lindenberg startet Stadiontour in Hannover: Panikparty mit Statement

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Das ganze Jahr über sei er ein bisschen traurig gewesen. „Mir hat etwas gefehlt“, gesteht Altmeister Udo Lindenberg. Da hatte er mit „Odyssee“, „Die Heizer kommen“, Boogie Woogie Mädchen und „Ich mach’ mein Ding“ das Publikum in der ausverkauften HDI-Arena zu Hannover bereits begrüßt und sich über die Köpfe seiner Fans einfliegen lassen. Mehr Pomp und Coolness geht nicht. Oder doch?

Mit 200 Leuten ist er unterwegs, die sich „eine super geile Show ausgedacht haben“, wie er ankündigt. „Ich bin ja nur der kleine Sänger mit dem Hut auf.“ Aber genau wegen diesem waren 50.000 Menschen ins Arena-Rund gepilgert. Ein Laufsteg, der von der Bühne direkt ins Publikum reicht, scheint sich – gemessen am Auftritt der letzten Tour – bewährt zu haben. Der Altmeister liebt das Bad in der Menge. „Danke für diese Liebeserklärung! Ich gebe Euch diese Liebe zurück“, ruft er dann auch schon zu Beginn in die Massen. Und wird sein Versprechen halten. Eine Panikparty mit Panikorchester.

Drei Stunden lang lauscht das Publikum. Feiert. Singt. Staunt.

Aber was wäre eine Party ohne Gäste? Von denen gab es reichlich. Der erste: „Mein Freund aus Erfurt: Clueso, begrüßt Lindenberg den Thüringer, mit dem er ein „Cello“-Duett anstimmt. „Wohnst Du in Erfurt, das Cello steht im Keller“, wandelt er die Songzeilen ab.

Doch nicht nur das Cello, auch die Stimme ist hin und wieder im Keller. Egal. Das ist authentisch. Unkünstlich. Kein doppelter Boden. Sondern live. Da hilft nur eine Runde Gurgeln. 2015-07-10-22-34-47_udo_lindenberg_DSC_6489Mit Eierlikör, versteht sich selbstredend. „Meine Stimme ist wie ein Trecker und geht immer“, ist der Altmeister optimistisch. Und stimmt ein „Ich lieb’ Dich überhaupt nicht mehr“ an, nimmt erstmals die Sonnenbrille von den Augen, um seinen Fans von den Großleinwänden hinab tief in die Augen zu schauen. Doch bevor die Sentimentalität zu groß wird, ist er gemeinsam mit Partygast Jan Delay „Ganz anders“.

Und dann wird er ernst. Udo Lindenberg wäre nicht Udo Lindenberg, hätte er nicht auch noch etwas anderes zu sagen: „In jeder Ecke der Welt ist Krieg. Ich frag’ mich, wie oft ich diesen Song noch singen muss, bis die alle aufhören, sich totzurüsten. Was für Milliarden werden da weggeballert. Das ist jeden Tag ein Verbrechen“, ruft er der Menge zu. „Wozu sind Kriege da?“ Eine Antwort auf diese schwere Frage wird es auch an diesem Abend nicht geben. Dafür einen Düsseldorfer Kinderchor, der die eine oder andere Träne der Rührung in die Augenwinkel treibt.

Doch bevor der Kloß im Hals zu groß wird, rockt sich der Altmeister schon wieder durch ein „Straßenfieber“ und bekrittelt den „Führer“. Keulenbewehrte, grimmige Fratzen stampfen im Gleichschritt über die Leinwände. „Wie lange muss ich das noch singen?“, kommt dann prompt die Frage. Freital, blöde Nazisprüche – der Mann auf der Bühne hält auch dazu nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg. „Dabei steht es uns unserer bunten Republik gut zu Gesicht, Schutzsuchenden sensibel entgegenzukommen.“ Zum ersten Mal gibt es „Wir werden jetzt Freunde“ vor großem Publikum, ein Titel, zu dem ihm ein Flüchtlingsschicksal inspiriert hat.

2015-07-10-22-01-51_udo_lindenberg_DSC_6137Weiter geht die Reise in die ehemalige Zone: Das „Mädchen aus Ostberlin“ darf nicht fehlen, ebenso wenig „Gegen die Strömung“, die Josephin Busch, seit 2011 die weibliche Hauptfigur im Berliner Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“, zunächst im blauen FDJ-Hemd bestreitet. Die  beiden sind ein eingespieltes Team, die langhaarige Josephin eine Augenweide für den männlichen Teil des Publikums. Mit Eric Burdon inszeniert er ein „We gotta get out of this place“, bevor zur „Klavierlehrerin“ zwei gigantische Gummipuppen lasziv die Bühne zieren, und Jan Delay abermals die Bühne betritt und mit dem Panikorchester die „Bunte Republik Deutschland“ rappt.

Die Panikparty ist im vollen Gange. Der Griff zur Zigarre folgt unweigerlich. Es folgen 2015-07-10-22-30-14_udo_lindenberg_DSC_1123„Gösebrecht“ und eine bunte „Honky Tonky Show“. „Gitarrengöttin“ Carola Kretschmer (einst Thomas Kretschmer) spielt sich die Finger blutig mit einem gigantischen Solo. „Nicht von dieser Welt“, kommentiert der Altmeister die Klänge. Bei „Sternenreise“ landet ein Ufo mit grünen Männchen auf der Bühne, ein 3D-Sternenhimmel in Pink und Blau leuchtet vor der Abenddämmerung. Nebenan flimmern auf dem Schützenplatz die Fahrgeschäfte über das Arena-Rund.

Eine Parodie auf den AC/DC-Klassiker „Highway to hell“ leistet sich Lindenberg mit seinem ostfriesischen Freund Otto Waalkes, der sich als genialer Counterpart entpuppt. Das Duo Lindenberg-Waalkes rockt, als hätte es ein Leben lang nichts anderes getan, als gemeinsam auf der Bühne zu stehen. „Wir machen durch bis morgen früh und rocken, bis die Bude brennt“, ruft der Ostfriese ins Mikrofon. Und in diesem Moment hofft, nein wünscht! das geneigte Publikum, er möge diese Drohung wahr machen. Mit „Der Greis ist heiß“ nehmen sich die Herren genüsslich selbst auf die Schippe, während ein ganzer Klub aus Greisen mit Rollatoren auf der Bühne tanzt.

Nach zwei Stunden satter Panik-Party verabschiedet Lindenberg sich mit einem rührenden „Hinterm Horizont“ dann auch schon. Das Stadion trägt Wunderkerze, wahlweise auch Handylicht oder Feuerzeug zu diesem ersten großen Finale.

Doch es hagelt Zugaben: „Ende der Welt“, „Controletti“, „Sonderzug nach Pankow“, „Andrea Doria“ und „Candy Jane“. Die Party geht erst richtig los, tummeln sich doch alle Partygäste zum großen Finale nochmals auf der Bühne. Und das Publikum, selbst auf den Rängen, tanzt inzwischen munter mit – trotz sonst üblicher norddeutscher Zurückhaltung. Ein knallbunter Rockzirkus ist los – und Herr Lindenberg fliegt in einem Korb über die Köpfe des Publikums. Hin und her und her und hin. Weiter geht es mit „Reeperbahn“ oder „Good bye Sailor“ – bis der Altmeister in einem Astronautenanzug gen Himmel entschwebt und die rund dreistündige Show mit jeder Menge Pyrotechnik und einem gigantischen Knall: beendet.

(km)

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