Coppelius – Christian von Aster – Carpe Noctem

Auf dem Weg zum Musikzentrum Hannover merkt man, dass sich der Sommer nun auch mal so langsam verabschiedet. Es ist etwas frisch im Vergleich zu den sommerlichen Temperaturen vor ein paar Tagen im September. Umso mehr freut man sich, dass die Konzertsaison in den Hallen und Clubs an einem verregneten Abend wie heute wieder gestartet ist.

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Schon vor dem Musikzentrum merkt man an der Kleidung mancher Besucher, dass man hier nicht bei einem normalen „Pop-Rock“ Konzert gelandet ist. Manche tragen Hüte, (auch die Frauen sind hier gut behütet), lange schicke Mäntel, Kleider wie aus der Vergangenheit und teilweise Kunst in ihren bleich geschminkten Gesichtern. Im Musikzentrum angekommen, muss man sich, um weiter nach vorne zu gelangen, erstmal durch eine Menge kämpfen, wobei das bei diesem netten Publikum kein großer Kampf ist. Spätestens als man die Düfte von schwitzenden Menschen und Patchouli wahrnimmt, fühlt es sich irgendwie nach schwarzem Rock’n’Roll und ankommen an. Unterschiedliche (schwarz ist nicht gleich schwarz) Menschen sind hier zusammengekommen um ein besonderes Konzert zu sehen und sich bei ein paar Bierchen vom Alltagsstress zu lösen. So lässt sich die dunkle Jahreszeit gut aushalten.

Aber welche Band lockt uns heute hier her? Es ist die Berliner Band Coppelius, die uns mit auf  ihre musikalische Reise in die moderne Vergangenheit nimmt. Die Band mit den Mitgliedern wie Max Copella, Graf Lindorf und Comte Caspar bezeichnen ihr Genre als Kammercore Metal. Instrumente wie Schlagzeug, Kontrabass, Cello und Klarinette lassen vermuten, dass die Musik laut und romantisch zugleich sein kann.

2016-10-07_20-07-18_copellius_dsc_9110Doch zunächst gibt es eine literarische Einleitung von Herrn Christian von Aster. Komische Poesie könnte man die intelligente und poetische Lesung nennen, bei der aktuelle Weltgeschehnisse und unser heutiges Leben mit diversen Trends kritisiert wird. Unbekümmert aber bedacht und mit schwarzem Humor trägt Herr Aster der schwarzen Szene seine geschriebene Kleinkunst vor, die hier gut ankommt. Doch zwischendurch hört man aus dem Publikum die Frage: „schläft da jemand?“ als die musikalische Einlage auf dem Klavier durch einen technischen Fehler pausieren muss. Herr Aster erkundigt sich rufend durch den Saal, ob es denn auch einen Ton für das Klavier geben würde? Die direkte Antwort mit „Nein!“ motiviert Herrn Aster dazu, seine kreative Spontanität zu nutzen um mit dem „Kunstaspekt die Kunst anders weiterzumachen“. Doch hört, hört, man schenkt dem Klavier dann doch noch Ton, bzw. mehrere schöne Töne, die die poetische Kunst begleiten. Die Tasten werden vom schlecht gelaunten Tod im schwarzen Bademantel, alias Herr Le Comte gedrückt.
Nach 20 Minuten verabschiedet sich Herr Christian von Aster unter großen Applaus vom hannoverischen Publikum.

2016-10-07_20-37-52_copellius_dsc_9154Nachdem sich die Besucher mit Bier versorgt und eine Raucherpause im Regen verbracht haben, hieß es „genieße die Nacht“, was mit der Band Carpe Noctem aus Jena nicht schwer fällt. Die fünf Männer an Instrumenten wie Cello, Violine, Bass und Schlagzeug haben sich, ähnlich wie das Publikum, schick gemacht; in weißen Hemden, schwarzen Hosen, Krawatten / Hosenträgern tragen sie instrumental einen Mix aus klassischer Musik und Heavy Metal, also String-Metal vor. Headbangende Violinsten und Cellisten sieht man nicht alle Tage und der Sound der Band lässt einen in eine andere Welt abdriften, in der man das alltägliche Radiogedudel von heute alles andere als vermisst. Auch für Menschen die „eigentlich alles“ hören, ist das, was Carpe Noctem hier liefern eine empfehlenswerte Alternative, die man einfach nur als „schön“ bezeichnen kann. Zwischen leichtem Gezupfe auf der Violine und dynamischen Metal passiert hier noch so viel, was man einfach selbst hören und erleben muss. Das Hören kann man schon mal mit dem neuen Album „Schattensaiten“, mit dem die Jungs unterwegs sind, erledigen.

2016-10-07_22-47-14_copellius_dsc_9321Für die Optik gibt es hier einen kleinen Eindruck: „ein Butler auf der Bühne, was macht der da?“ Oben rum ist er genauso schick oder noch schicker als das Publikum; mit Zylinder, streng zusammengebundenen Haaren und stilechter Butler Garderobe, nur etwas zu bleich und dunkel unter den Augen geschminkt für einen  „echter“ Butler. Unterhalb der Gürtellinie lässt sein alternativer Stil (schwarzer kaputte Jeans und Chucks, bei denen der Rechte mit „TITTENJETZT“ beschriftet ist) aber vermuten, dass er den Job als „Diener“ bei der Band Coppelius augenscheinlich nicht ganz so ernst nimmt. Das gleicht er aber  mit seiner Stimme wieder aus, weswegen er vielleicht noch nicht gefeuert wurde?

Heute macht der Butler mit dem Namen Bastille sogar doppelte Arbeit und leiht Carpe Noctem seine Stimme, was wenig später auch Graf Lindorf von Coppelius tut.

 

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2016-10-07_21-49-41_copellius_dsc_92702016-10-07_21-32-52_copellius_dsc_9195Coppelius kommen nach einer weiteren Pause mit zirkusähnlichem Geturne auf die Bühne; hier ein Handstand, da ein Purzelbaum. Damit ist schon mal klar, dass die Band eine alberne Truppe ist. Herumgealbert wird hier aber mit Stil! Stilbrüche gibt es höchstens in ihrer Musik, in der Klarinetten und Cembalo, verzerrter Kontrabass und Cello auf Schlagzeug mit Doublebass aufeinander treffen. Dazu gesellen sich musikalische und lyrische Einflüsse aus dem 19. Jahrhundert, aus der die Musikgruppe ja angeblich kommt. Hut ab! Dafür haben sich die >Jungs< gut gehalten und sind noch so fit, dass sie das Publikum zum tanzen, mitsingen und schwitzen animieren. Die Kammercore Band, die auch in der Steampunk – Szene beliebt ist, lässt es sich auch nicht nehmen Songs von Motörhead und Iron Maiden zu covern. Zwischen den druckvollen und  „rock’n’ rolligen“ Songs, findet man auch ruhige und romantische Töne, wie z.B. bei dem Song „Butterblume“. Dem folgen dann wieder die Songs, die die Menge wieder zum toben bringt. Zu erwähnen sind hier auch die Sologefechte die sich die Klarinettisten Comte Caspar und Max Copella zwischendurch immer wieder liefern, die sich hören und sehen lassen können. Allgemein kann man sagen, dass hier echte Profis auf der Bühne stehen. Haben die das im 21. Jahrhundert gelernt? Die Musikgruppe hat ja sogar Internet, wo verkündet wird, dass sie nach dieser Clubtour eine längere Auszeit braucht. Das ist natürlich nachvollziehbar, wenn die Band schon seit Jahrhunderten unterwegs ist. Wie lang diese Pause geht, ist noch nicht gewiss. Die Fans hoffen aber, dass sie nicht zu lange auf eine Wiederholung im Musikzentrum warten müssen.

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Um ca. 23:15 Uhr läutet die Band unter tobendem Applaus des zufriedenen und ausgelassenen Publikums ihren Wohlverdienten Feierabend ein und auch wir freuen uns auf unser richtiges Zu Hause. Wir sind ja schließlich auch nicht mehr die Jüngsten. Dennoch war dieser Abend sehr erholend, was wir feststellen als wir wieder in der realen Welt ankommen.

Miriam