In Hannover angekommen – als „Herr der Berge“

Es könnte fast ein Affront sein, einem Künstler wie Joachim Witt zu unterstellen, er sei angekommen. Einem, der sich von Album zu Album neu erfindet und seinen musikalischen Weg stets abseits ausgetretener Pfade sucht. Dennoch: Sein jüngstes Werk „Rübezahl“ mutet an wie ein Best of seines musikalischen Schaffens der vergangenen 20 Jahre – vom Ende der späten 1990er-Jahre bis in die Gegenwart. Er wanderte in dieser Zeit von der NDH-Welle zum poetischen Düsterpop und im Zickzack wieder zurück, experimentierte mit Klassik und Elektro gleichermaßen.

Das alles, nur sehr viel runder und vollendeter, weniger kantig, aber auch nicht nur gefällig, ist „Rübezahl“ anno 2018.

Dafür gibt es einen Grund, den Witt auf der Bühne im Musikzentrum in Hannover am 9. Mai selbst benennt: Chris Harms. Der Sänger und Gitarrist von „Lord of the Lost“ hat „Rübezahl“ produziert und mit „Mein Diamant“ auch gleich noch einen Song beigesteuert. „Er hat es geschafft, mein Seelenleben, meine Psyche zu 100 Prozent zu erfassen und wiederzugeben“, fasst Witt die offensichtlich ausgesprochen produktive Zusammenarbeit mit dem Künstler zusammen. „So will ich jetzt weiterarbeiten“, kündigt er an. Es sind ehrliche, sehr persönliche Worte aus dem Mund eines Mannes, der seit fast 50 Jahren auf der Bühne steht und im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag feiert.

Fast zur Routine geworden ist deshalb angesichts des weißen Haares und des Rauschebartes die Maskerade eines alten, gebrechlichen Herrn, der zum Konzertbeginn die Bühne betritt. Eingehüllt in eine schwarze Mönchskutte betritt ein gebeugter Greis, auf einen Gehstock gestützt die Bühne und hebt zwischen Bäumchen-Deko und Bühnenscheinwerfern zu „Herr der Berge“ an.

Doch schon bei den ersten Takten wird klar: Da steckt jede Menge Power in den Adern. Seine fünfköpfige Live-Band – gefühlt ist jeder einzelne Musiker nur halb so alt wie der Frontmann – gibt von der ersten Minute bis zum letzten Takt alles, was Keyboard, Bass- und Gitarrensaiten oder Schlagzeug hergeben. Und das von höchster Güte, während die graue Eminenz über ihre Jungs lästert, die, in Schweiß gebadet, hin und wieder zu Handtuch oder Kaltgetränk greifen, um den hohen Ansprüchen ihres Meisters gerecht zu werden: „Sie geben sich Mühe“, findet er und lächelt verschmitzt. Und weiß: Er hat die Besten für sich gefunden.

Die Stimmung dort auf der Bühne: Sie ist gelöst und kameradschaftlich locker, aber immer respektvoll und voller Humor, während die Fans vor der Bühne mittanzen und mitsingen. Vom ersten bis zum letzten Ton. Munter witzelt Witt später weiter: „Ich weiß gar nicht, warum ich in Hannover immer so aggressiv wirke“, während ihm der Schalk aus den Augen blitzt und er versonnen über seinen Bart streicht. Er frotzelt über Frisuren („Es muss nicht alles so bleiben, wie es war.“) und sein Publikum („Danke, dass Ihr es mit mir aushaltet.“), während die Luft an diesem frühsommerlichen Abend längst brennt und der Schweiß munter zwischen den Schulterblättern in den Hosenbund fließt.

Und doch scheint es Joachim Witt ein großes Bedürfnis zu sein, „Rübezahl“ vom ersten bis zum letzten Song herunterzuspielen. Eineinhalb Stunden lang. „Ich will leben“, singt er dann auch seherisch, schreit „Ich will weiter“ im Song „Dämon“, erinnert sich an Weihnachten mit seinen Eltern und weiß heute, „Wofür Du stehst.“ Über „Quo Vadis“ erzählt er, dass er diesen Song ursprünglich mit U96 aufgenommen hat und später für sich nochmal neu arrangiert hat, bevor der Titel Eingang in das neue Album fand. Später dreht er „Agonie“ auf bis zur Atemlosigkeit, während die Band alles an Druck reingibt, was die Instrumente hergeben, um schließlich zu enden mit einem beschaulichen „Wiedersehen woanders“.

Natürlich geben sich die Fans nicht damit zufrieden, dass ihr Meister einfach so Good Bye sagt. Neben jeder Menge Applaus – wenn es kein unbestuhltes Konzert gewesen wäre, hätte es spätestens jetzt stehende Ovationen gegeben – hebt ein Publikumschor schon an, die ersten Takte vom „Goldenen Reiter“ anzustimmen. Natürlich lässt sich der Meister nicht lange bitten, um noch ein Zugabenset zu spielen.

Und, endlich, endlich greift er in seine musikalische Schatzkiste. Dieses Mal besonders tief. Zum Vorschein kommt zum einen „Liebe und Zorn“ von der Bayreuth I. Weiter peitscht er sein Publikum mit „Tief“ durch finstere Druckwellen. Und hebt doch tatsächlich noch von seinem Barhocker, der sonst eigentlich für „Gloria“ reserviert ist, zur „Flut“ an. Und verkündet, dass er im Herbst mit Peter Heppner ein neues, gemeinsames Projekt plant. Immerhin sei es inzwischen 20 Jahre her, dass die beiden mit „Die Flut“ erfolgreich waren.

Während er so plaudert, entschlüpft ihm plötzlich ein „Lalalalalalalaaaa…“ Natürlich fällt den Hannoveranern nichts Besseres ein, als wie auf Kommando und á CappellaAn der Umgehungsstraße…“ einzustimmen. Erst, als der erste Refrain vom „Goldenen Reiter“ einsetzt, stimmt die Band ein und übernimmt wieder die Regie, während der Frontmann die bis dahin sorgsam zum grauen Dutt gewundene Mähne schüttelt und kräftig mittanzt. Es wirkt, als hätte etwa ein Drittel des Publikums fast zwei Stunden lang auf nichts anderes gewartet. So ausgelassen, so frei und leicht war Joachim Witt selten zu erleben. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen er sich von seinem NDW-Erfolg distanziert. Sie ist Teil seiner musikalischen Biografie, die so facettenreich ist, dass jeder Vergleich nur bemüht ist und diesem Ausnahmemusiker nicht gerecht wird. Und dazu steht er. Nicht ohne Stolz, aber betont beiläufig verkündet er noch, dass er im Oktober bei „Gothic meets Klassik“ in Leipzig zu erleben sei, ebenso wie am 4. Januar mit Kammerorchester in der kleinen Elbphilharmonie. Die Konzerte sind bereits ausverkauft.

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(km)

 

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