
Klick aufs Logo für große Fotos!
Der Samstagmorgen begrüßt Hannover mit grauer Tristesse und Regen. Wie gut, dass das nur für den Morgen gilt. Zum Nachmittag muss dieses Grau weichen, als Pluto the Racer das Fährmannsfest auf der Musikbühne begrüßen. Das Trio aus Stadthagen hat Pop-Punk mit Ohrwurmpotential im Gepäck, aber so richtig füllt es sich noch nicht vor der Bühne. Aber dafür gehen die, die schon da sind, richtig ab.

Auf der bunten Bühne auf der Faustwiese eröffnen heute Die Eisbrecher. Die Bühne ist voll, neun Musiker spielen in der Band, die vor 30 Jahren in den Hannoverschen Werkstätten gegründet wurde. Die Band hat auf dem Fährmannsfest mittlerweile Kultstatus und kaum ein Jahr vergeht, ohne dass sie auftreten. Dementsprechend voll ist es auf den Bierbänken vor der Bühne auch. Das zeigt: hier wird Inklusion gelebt, wenn irgendwo zwischen Covern von Karat oder den Toten Hosen gefeiert wird.

Demnächst gibt es Die Eisbrecher auch auf der Leinwand zu sehen: am 19. Oktober hat eine Dokumentation über die Band im Apollo-Theater Premiere.
Klick aufs Logo für große Fotos!

Währenddessen steht auf der Musikbühne die Band ohne Anspruch in den Startlöchern. Es bleibt matschig, aber Sänger Olli ist mit Gummistiefeln und kurzer Hose bestens ausgerüstet. Mit „AfD Kinder“ wird direkt zu Beginn ein deutliches Statement gegen Nazis und entsprechende Parteien abgegeben – und das generationenübergreifend. Dabei gibt es, wie es sich für diese Veranstaltung gehört, rege Publikumsbeteiligung und „Kein Bock auf Nazis“-Flaggen werden von den Fans hochgehalten. Außerdem ist anhand der aktuellen klimatischen Lage im Sommer ja wohl klar, dass „Keine Klimaanlagen für Nazis!“ eine berechtigte Drohung ist, wie in „Naziklima“ anschaulich erklärt wird. Im weiteren Verlauf kommt mit der Mischung aus Punk und Rock, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, sommerliche Stimmung auf.
Zum Schluss gibt es dann auch die ultimative Lösung für Krieg: Statt mit Handgranaten zu werfen, empfiehlt die Band ohne Anspruch das Werfen von Hanfgranaten im gleichnamigen Song.
Klick aufs Logo für große Fotos!
Mittlerweile ist es vor der Bühne auch deutlich voller geworden.

Mit einiger Verspätung und viel Gequietsche durch technische Probleme legen dann als nächstes The Iron Roses los. Die US-Amerikaner liefern Punkrock, der sich thematisch bei fröhlichen Melodien mit ernsten Themen beschäftigt. Es geht um Diskriminierung, Sexismus in der Musikbranche und Akzeptanz von LGBTQ+ Personen. Nat Grey am Mikrofon identifiziert sich selbst als non-binär und legt stimmlich und optisch eine gelungene Show hin.
Klick aufs Logo für große Fotos!

Auf der Bunten Bühne wird es indes weniger musikalisch, sondern lustig. Der Hannoveraner Poetry-Slam Macht Worte ist wie jedes Jahr und die Teilnehmer:innen treten zum Thema „Familie“ gegeneinander an. Wie jedes Jahr darf das Publikum 0-10 Punkte vergeben. Es sind „dem Wetter entsprechend viele“ erschienen, wie das Moderatorenteam Jörg Smotlacha und Henning Chadde feststellt. Doch aufgrund des Themas gibt es nicht nur einiges zum Lachen, sondern auch Beiträge, die zum Nachdenken anregen. Teilnehmerin Hannah zum Beispiel trägt auf humoristische, aber ebenso berührende Weise vor, was Zuhause und Eltern eigentlich bedeuten.
Klick aufs Logo für große Fotos!
Leider können wir nicht alle Beiträge hören, da auf der Musikbühne schon Adam Angst darauf warten, die Bühne zu rocken.

Es wird mit Adam Angst wieder gesellschaftskritisch. Ob „Wir werden alle sterben“ gegen Hass auf alles oder „Unter meinem Fenster“, das sich um Einsamkeit und Desinteresse dreht: hier wird zwar Ernstes versteckt, aber ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Denn wie Sänger Felix ankündigt: „Wir sind zum Tanzen da!“, ist durchaus ernst gemeint. In der Zwischenzeit sind auch die allerletzten Langschläfer angekommen und vor der Bühne ist es richtig voll. Im Moshpit wird sich warm gemacht und der Aufforderung zum Tanzen kommen die allermeisten nach. Nach „Professoren“ zum Ausklang, den wirklich alle mitsingen können, neigt sich auch dieser Auftritt dem Ende.
Klick aufs Logo für große Fotos!

Danach sind mit Slime wahre Urgesteine der deutschen Punkszene dran. Kaum ein Besucher dürfte keine Erinnerung mit der Band verbinden. Auch Moderator Stefan erinnert sich in der Ankündigung genau, dass seine Schwester mal eine Platte von Slime zum Geburtstag bekommen habe. Nach mehreren Pausen und einigen Besatzungswechseln haben Slime nun ihr zehntes Album „3! + 71“, das am 15. August erscheint, dabei. Löst man die Rechnung, kommt dabei passend und symbolisch aufgeladen die Zahl 13 heraus. Es gibt auch direkt eine Kostprobe mit „Armes Deutschland“. Der Song kommt gut an, als Reaktion gibt es direkt den ersten Moshpit. Sänger Tex Brasket, der seit 2021 dabei ist, macht seine Sache gut und führt zwischen alten Klassikern und neuer Energie durch die Show. Bei „Sie wollen wieder schießen (dürfen)“, kann man regelrecht froh sein, dass alles, was hier schießt, die im Publikum zahlreich vorhandenen Seifenblasenpistolen sind. Zusammen mit „Fick AfD“-Rufen zeichnet die Situation ein wunderbares Bild.
Resümierend lässt sich feststellen, dass die Herren und die Dame von Slime über all die Jahre nicht an Energie und Biss verloren haben. Dass ungefähr jeder dritte Zuschauer ein Shirt zum neuen Album trägt, dürfte ihnen recht geben.
Klick aufs Logo für große Fotos!

Den Abschluss des Samstags bilden Dritte Wahl. Moderatorin Pia wünscht sich „bitte einmal Ausrasten für Dritte Wahl!“ und die Fans tun, wie ihnen geheißen. Noch bevor die Band auf der Bühne steht, wird gesungen, was das Zeug hält.
Die Rostocker steigen sommerlich ein mit „Der Himmel über uns“. Den Text kennt quasi jeder und dem tanzenden Publikum zuzuschauen, bereitet wahre Freude. Nur die Zuschauer auf der Brücke, die zur Faust-Wiese führt, sind traditionell etwas weniger enthusiastisch unterwegs. Aber das Fährmannsfest wäre schließlich nicht das Fährmannsfest, wenn nicht irgendwann eine Band das Publikum auf der Brücke, gegen das vor der Bühne antreten lassen würde. Das aktuelle Album von Dritte Wahl ist zwar erst zwei Jahre alt, aber die Fans sind enorm textsicher. „Wir schießen die Milliardäre ins All“ sorgt dabei textlich für das ein oder andere Schmunzeln.
Als sich das „Gute-Laune-Set“ dem Ende neigt, haben die Fans bei weitem noch nicht genug. Wie gut, dass sich die Band auf noch einen Song einlässt. Und noch einen. Und … Nein, jetzt ist wirklich Schluss. „Fliegen“ wird schon mehr in die Länge gezogen als üblich und sorgt durch die eher raue Stimme von Sänger Gunnar für Gänsehaut.

Dem müssen Pia und Stefan aufgrund der örtlichen Lärmschutzbestimmungen irgendwann schweren Herzens einen Riegel vorschieben. Aber auch als die beiden den Fans einen schönen Abend und einen sicheren Heimweg wünschen, singt das Publikum fleißig weiter. An Aufhören denkt hier niemand. Noch lange, nachdem die Bühnenbeleuchtung ausgeschaltet ist, klingt es über die Fährmanninsel „Aber ich möchte fliegen / Ganz weit oben über’m Meer / Und dann seh ich all die Scheisse / All die Scheisse hier unten gar nicht mehr“.
Klick aufs Logo für große Fotos!
(ND)
