Weißt du noch, Schakal, als wir Lacrimosa das letzte Mal sahen?

Die Haare waren voller, die Nächte jünger, die Herzen leichter. Die Attitüde etwas ernsthafter, die Tickets noch gedruckt, die Zeilen weniger verklärt.
Auch wenn Hannover nicht oft auf dem Tourplan steht und Tilo den letzten Septemberabend hier als „intimes“ Konzert bezeichnet, bin ich verzückt und underdressed, denn im Musikzentrum sind tatsächlich treue Fans in huldigender Pose, allen Facetten von Schwarz, Spitze und Samt. Wunderschöne Menschen, für die Gothic mehr als der schwarze Hoodie und ’n bisschen Eyeliner ist.
Eine Szene.
Eine Haltung.
Ein Kosmos.

Noch am Leben,
Noch am Lieben,
Noch am Träumen.
Der Mann der wenigen Worte packt, was er zu sagen hat, ins Gefühl, in die Songs, die so gewachsen sind, dass er nichts muss und alles tun könnte, der Gahan mit der Trompete, hat’s einfach mal drauf, so wie all die metro-sexappeal-Ikonen, die fast vergessen lassen, dass das stolze Herz heute nur mit einer Klappe pumpt.

Es bleibt eine Leerstelle, die so manchen Lyrics eine andere Art von Gänsehaut verleiht.
Das Ungesagte ist laut.
„Jeder Tag bist du
Solange du lebst, solange lebe auch ich“
Und da stehen sie dann, die Sätze, im Raum und schnörkeln sich um eine Basslinie herum, sickern ins poetische Zentrum deines Hirns und kitzeln den Mandelkern – volle Breitseite. Lacrimosa sind Traurigkeit und Lust. Ein zärtliches Grauen, die kalte Wahrheit, das süße Tränenreich, die vulgäre Silhouette einer Fantasie. Manchmal braucht es eben nur ein dramatisches Piano, um die verkrusteten Geister dessen freizulegen, was am Alltag verreckt.
Manchmal braucht es eben nur ein paar Saiten, die angeschlagen, leicht wie Spinnengewebe, die Gedanken tanzen lassen.
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Manchmal braucht es eben diesen akkuraten Schulmeister, der den Reim diktiert.
Mit spitzem Finger ungeniert. Wolff ist ehrlich, menschlich und Lacrimosa verflucht gut in Form. Auf dieser Bühne werden Sticks jongliert, gelächelt, miteinander interagiert – kurz: Lacrilove ist ein ekelhaft niedliches Kofferwort für die Harmonie zwischen den Musiker*innen, auch wenn Fans damit sicherlich ihre Verehrung für das Tränenreich von Lacrimosa meinen.

Apropos Portmanteau: Lacrilara! Lara Florence ist mehr als Nichte, Zweitbesetzung, Vertretung. Sie ist eine würdige Begleitung von Tilo Wolff. Die studierte Sound-Designerin singt und schlägt die Tasten an, ohne den Versuch zu machen, Anne Nurmi zu ersetzen. Sie ist zurückhaltend, professionell und erntet dafür mehr als den Respekt des Publikums. Fans und Zuschauer*innen nennen nicht nur diesen Abend „manifique“, „wundervoll“ oder „Beautiful“ incl. verzückter Emoticons.

„So vieles haben wir erlebt
So vieles durchgemacht, so viel verloren
Das alles liegt jetzt hinter uns
Dreh’ Dich nicht mehr um“
Damit verabschieden sich Tilo Wolff und Band. „Eure Gesichter und Emotionen zu sehen. Es war uns eine Ehre, dass wir unsere Emotionen mit euch teilen durften“
Das Publikum feiert Lara, feiert Lacrimosa und bekommt als zweite Zugabe den ersten Song, bei dem Anna mitsang: „Schakal“.
„Ich bitte dich
Ich will nur leben
Ich will leben“

P.S. Heute Abend haben sich Lacrimosa in die Playlist von Fans gespielt, die von dieser Träne vollends unbefleckt und gerade mal so alt sind wie das Hohelied der Liebe …
Tracks:
- Lacrimosa Theme (Intro)
- Avalon
- Der Morgen danach
- Alles Lüge
- Lichtgestalt
- Ich verlasse heut‘ dein Herz
- Kelch der Liebe
- Lament
- Vermächtnis der Sonne
- Du bist alles was ich will
- Rote Sinfonie
- Punk & Pomerol
- Stolzes Herz
Encore:
- Flamme im Wind
- Memoria
Encore 2:
- Schakal
Die Fotos von SOON
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(IH)
