Es ist wieder Dezember und damit Zeit der Night of the Proms, in Hannover, in der ZAG Arena, einen Besuch abzustatten. Die Straßen des Messegeländes sind zugeparkt, die Halle ist voll. Das auf einem Donnerstag? Lohnt sich, finden wir …

Schließlich schaffen die Köpfe hinter der Night of the Proms es Jahr für Jahr, ein einzigartiges Spiel zwischen Klassik und Pop, zwischen Soul und Rock, zwischen Solo-Künstlern und Orchester auf die Bühne zu bringen. Insbesondere das Antwerp Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Alexandra Arrieche beeindruckt das Publikum der NOTP, egal ob als Begleitung oder Hauptdarsteller. So obliegt ihm die Eröffnung eines jeden Abends, die für Gänsehaut sorgt. Nur ein Spotlight, ein Backgroundsänger und unglaublich viel Feingefühl lassen das Publikum in einen großartigen Abend eintauchen. Let the Greatest Show begin!

Den Anfang der diesjährigen Show zur 40. NOTP macht Joss Stone, die mit ihrer kraftvollen Stimme den Zuschauern ordentlich einheizt. Eine der bekanntesten Soul-Künstlerinnen in orchestraler Begleitung zu erleben, gibt Songs, die man irgendwie so aus dem Radio kennt, im wahrsten Sinne des Wortes völlig neue Noten.

Anschließend darf sich das Publikum auf Midge Ure freuen, die musikalische Reise geht weiter in die 1980er und insbesondere zu Ures Wirkungszeit in der Band Ultravox. Selbstironisch kündigt er seine Songs an als „This one is for the slightly older of you”, was das ein oder andere Schmunzeln im Publikum hervorruft. Aber: sobald die Töne erklingen, ist Alter oder Jugend vergessen und es zählen allein Stimme, Gitarren und ein Lichtermeer auf den Rängen. Zu „Dancing With Tears in My Eyes“ dirigiert Alexandra Arrieche beinahe selbstvergessen und stiehlt mit ihrem Ausdruck dem ein oder anderen Künstler vielleicht sogar ein bisschen die Show.

Zwischen den Künstlern darf das Antwerp Philharmonic Orchestra schließlich immer wieder in den Vordergrund, was für mich das eigentliche Highlight einer jeden Night of the Proms ist. Beispielsweise mit der Interpretation der „Moldau“, die einen versinken lässt in die etwaigen Gedanken des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana, der mit dem Stück angeblich den Flusslauf der Moldau zu beschreiben versucht habe.

Die eigene Verträumtheit in Orchesterarrangements ist jedoch nur von kurzer Dauer, da schon die nächsten Künstler in den Startlöchern stehen: Safri Duo aus Dänemark, den meisten bekannt durch ihren Hit „Played-A-Live“ von 2005. Selbst mit Drumsets bewaffnet, verleiht das Setting dem Werk eine völlig neue Wucht. Hier darf mit Recht gefragt werden, warum eigentlich Sitzplätze zur Verfügung stehen, denn auf den Stühlen hält es bei der Performance niemanden mehr. Das Zusammenspiel des Duos und des Orchesters zeigt einmal mehr, dass instrumentale Kompositionen keinesfalls langweilig oder monoton sein müssen.

Treue Fans der Night of the Proms werden Vanessa Amorosi noch vom vergangenen Jahr in Erinnerung haben, als sie zusammen mit Dave Stewart die berühmtesten Songs von Eurythmics auf die Bühne brachte. Dieses Jahr ist sie wieder dabei, allerdings als Solokünstlerin. Das tut der Sache gut, da nun ihre Stimme allein im Vordergrund steht, mit der sie über viele Oktaven eindrucksvoll Töne jongliert.
Dennoch braucht es ein wenig, bis sich das Publikum von ihrer Energie anstecken lässt. Ihr dritter Song bringt dann doch alle zusammen, denn er beschreibt, was alle Aktiven der NOTP, die Crew, den Chor, die Künstler, verbindet: „Music“ von John Miles.

Auch Moderator Stefan Frech nutzt das Ende der ersten Halbzeit, um Anerkennung und Dank an die vielen an der Show Beteiligten auszusprechen. Feierte die NOTP letztes Jahr 30 Jahre in Deutschland, so sind es dieses Jahr 40 insgesamt. Zu diesem Anlass wird ein Buch vorgestellt, das eben jene im Hintergrund Arbeitenden, zu Wort kommen lässt, in dem auf die Anfänge zurückgeblickt wird und das die Geschichte der Night of the Proms in bisher unveröffentlichten Bildern erzählt.
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Nach der Pause ist der Singer/Songwriter Michael Schulte dran, das Publikum zu verzaubern. Ihm steht das Orchester als Begleitung unglaublich gut, indem es seine Stimme voll Melancholie und Sehnsucht unterstreicht. Obwohl die Songs trotz ihrer Emotionen gelegentlich etwas langatmig und ereignislos wirken, versteht Schulte es, das Publikum mitzureißen. Seine Ansagen sind authentisch und seine Art lässt ihn sofort sympathisch wirken. Ein Blick auf die Ränge bestätigt: Nicht nur er selbst genießt seine Musik mit geschlossenen Augen.
Der Sänger ist sichtlich gerührt davon, wie sehr das Publikum mitgeht, verkündet scherzhaft, dass er nicht nur Balladen dabei habe. Am 22.04.2026 besucht er Hannover erneut, diesmal im Theater am Aegi und freut sich darauf, seine Fans wiederzusehen.

Nachdem das Buch zum 40-jährigen Jubiläum schon als Kandidat für ein Weihnachtsgeschenk vorgestellt wurde, wird es jetzt auch auf musikalischer Ebene weihnachtlich. Das Safri Duo geht mit einer Interpretation von „Carol of the Bells“ in die zweite Runde. Auch diesmal holen sie die Zuschauer von den Stühlen.
Nun ist es an der Zeit für die einzigartigen Duette, die die Night of the Proms hervorbringt:

Besonders Joss Stone und Michael Schulte harmonieren fantastisch in einem Wechsel von Stones kraftvoller Stimme und Schultes einfühlsamem Gesang. Viel zu schnell sind die drei oder vier Minuten vergangen.

An Schultes Stelle tritt jetzt Vanessa Amorosi und die beiden Damen duellieren sich beinahe stimmlich, jedenfalls wirkt es so. Amorosi stellt Stone leider etwas in den Schatten, obwohl die Songauswahl mit unter anderem „It’s Raining Men“ exzellent getroffen ist.

Bevor sich das Publikum auf Alice Cooper freuen darf, bekommt das Antwerp Philharmonic Orchestra sein letztes Spotlight für den Abend und es wird dramatisch: Tchaikovskys Interpretation von „Romeo und Juliet“ wird furios und leidenschaftlich vorgetragen. Angekündigt als Arrieches Lieblingskomponist ist das auch nicht verwunderlich, während der Laie sich fragt, ob die Brasilianerin eigentlich noch dirigiert, oder schon tanzt. Es ist ein beeindruckend anzusehendes Schauspiel, das die Zuschauer in seinen Bann zieht.

Endlich ist es so weit: Der wohl am sehnlichsten erwartete Gast der Show betritt die Bühne. Jetzt ist Alice Cooper nicht mehr nur auf etlichen Shirts im Publikum zu sehen, sondern live in eigener Person, und das, obwohl er mittlerweile Ende 70 ist.

Er steigt routiniert in sein Set ein und bald stellt sich heraus, dass sein Rock in orchestraler Begleitung etwas ganz Besonderes ist. Ob bei „Poison“ als All-Time-Klassiker oder einer gefühlvollen Ballade, den Meister der sonst so aufwändigen Bühnenshows nur mit Untermalung durch das Antwerp Philharmonic Orchestra zu erleben, stellt ein gelungenes Finale für die Night of the Proms dar. Zum letzten Song taucht eine Tänzerin auf, die bereits zuvor zum Antwerp Philharmonic Orchestra getanzt hatte und nun mit höchster Präzision die Show untermalt. Berührend ist das Ende, die Sekunde Stille vor dem Applaus, in welcher der Song in einem Kuss endet.

Schließlich handelt es sich bei der Tänzerin um Coopers Frau, mit der ihn eine Ehe seit den 1970ern verbindet. Obwohl es eine Bühnenshow ist, ist die Vertrautheit sichtlich zu spüren.

Unter dem Motto „Come together“ wird das Ende der diesjährigen Night of the Proms 2025 in Hannover eingeläutet. Zum Schluss kommen noch einmal alle Künstler auf die Bühne der Arena zusammen. Das Zusammenspiel aller Stimmen und Instrumente des Abends verabschiedet die Zuschauer in einem fulminanten Finale. Wir verabschieden uns voller wunderbarer Eindrücke, bis es am 03.12.2026 wieder heißt: Klassik trifft Pop in der ZAG Arena.
(BD)

